3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (Auszug) – Linda und Sonny (Teil 1)

Linda und Sonny (Teil 1)

»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« – 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (2. Auflage – Auszug)

Angewiesen auf seine Füße und 20 Kilogramm Gepäck plus Banjo auf dem Rücken schlug sich der Autor dieser Reisereportage drei Monate ohne Geld durch Europa – von Coswig in die Schweiz, nach Frankreich, England und Irland. Er erlebte Abenteuer, Entbehrungen und viele hilfreiche Menschen.

»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« - 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa
»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« – 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (2. Auflage)

Stunden später. Mit vollzähligem Gepäck überquere ich die Mouth of the Seven, die Meeresenge im Westen Bristols. Wacker hält sich der Nieselregen auf dem Trip nach Westen. Wales ist da, und je weiter ich in diesen Landstrich eintauche, desto freundlicher werden die Menschen. Nur mit ihrem Dialekt habe ich einige Probleme. Ist er noch englisch oder nicht? Die Sprache hört sich lang gezogen an.

In den Nachmittagsstunden legt sich zwar der Regen, dafür lässt die Sicht nach. Und irgendwie, über Feldwege, durch Wäldchen und Nebenstraßen trete ich in eine Kleinstadt. Müde von den Tageskilometern setzte ich mich auf einen Stuhl, der einsam und verlassen auf der Straße steht. Nebel umschlingt die Häuser. Ich kämpfe mich durch. Habe ich mich verlaufen? Jede Ecke kommt mir vor wie die andere. Der Putz bröckelt von den Wänden. Ich greife nach einer Wand, das Haus scheint zu wackeln. Ich zucke zurück, gehe weiter, bleibe stehen, wage mich nach vorn, trete nach links nach rechts, um die Scheißhaufen auf der Straße nicht zu zerquetschen.

Ein Pub bäumt sich vor mir auf. Männer sitzen um einen Tisch, sie spielen Karten. Als sie mich entdecken, erstarrt die Runde. Keiner wagt ein Wort zu sprechen. Die Stille ist erdrückend.

»Wie komme ich nach Cardiff«, frage ich den am nächsten.

Er ruht. Die anderen schweigen. Ich wiederhole meine Frage. Keiner rührt sich.

»I came from Germany. On foot.«

Mein Gegenüber lächelt. Geschwind wird ein Stuhl herangerückt, ein Bier bestellt und die Fragerei beginnt.

»Von Deutschland zu Fuß?«

»Wie lange bist du schon unterwegs?«

»Wie lebst du dort?«

Und: »Wie ist es dort, seit die Mauer gefallen ist?«

Bei der letzten Frage stutze ich. Die Frage bleibt offen. Wie immer.

Auch die Herren bleiben mir eine Antwort schuldig. Niemand interessiert sich dafür. Wo geht es nach Cardiff? Was kümmert sie das auch. Reisen ist für sie ein Fremdwort. Aber dennoch, die Welt ist hier nicht zu Ende. Regelmäßig verfolgen sie die politischen Geschehnisse, in ihrem Stammlokal an der Ecke. Hier dudelt den ganzen Tag das Radio, dessen Lautsprecher verzerrte Töne in die Runde wirft, ab und zu aussetzt, bis die Wirtin ihm zwei Schläge an die Seite verpasst.

Pete, Sonny und Chris haben sich bereits vorgestellt, als eine zierliche Frau in den Lichtkreis, der an der Decke hängenden, nackten Glühbirne tritt, den Arm um Sonny legt und mit einer warmen, lieblichen Stimme sagt: »Komm Daddy, du musst morgen früh raus.«

»Linda, meine Tochter«, antwortet er stolz, »mein Einundalles, immer besorgt.« Er blickt zu ihr hinauf, lächelt, und sie streicht ihm leicht über sein lichtes Haar.

»Lass uns noch ein wenig sitzen?«, fragt er kleinlaut, doch mit fester Stimme. »Wir haben einen Gast aus Deutschland.«

Sie nimmt sich einen Stuhl vom Nachbartisch und setzt sich zu uns. »Spiel etwas«, fordert sie. Ohne mich länger bitten zu lassen, befreie ich das Banjo aus seiner Hülle. Das Instrument stimmt. Die ersten Töne erhellen, Lieder erklingen. »Clemtiene«, »This land is your land«, die ganze Palette der Folksongs hinauf und hinab.

Die vier Zuhörer sind begeistert.

Zögerlich treten andere heran, alte, junge, die Kinder. Die Männer nehmen ihre Hüte ab. Und die Kinder, die wirklich einzige Freude dieses trostlosen Ortes, beginnen zu tanzen. Auch Sonny, der sich die Gitarre der Wirtin geschnappt hat, greift kräftig in die Saiten. Der Blues begeistert ihn. Immer näher treten die Zuhörer.

Und immer öfter nehmen sie die Hand ihres Nachbarn, beginnen die Beine durch die Luft zu wirbeln. Die Hüften schwingen zu lassen und hinter den Gesichtern, einige noch beschmiert mit Maschinenfett und Kohlenstaub von der vergangenen Schicht, tritt ein Lächeln in den Abend.

Sonny hält ein. Füße schlagen den Takt weiter und Hände klatschen aufeinander. Sonny wechselt die Musikrichtung, ein Country-Song gibt jetzt die Schritte vor. Die Schritte der Tanzenden werden kleiner aber flotter. Das ganze Städtchen dürfte auf den Beinen sein. Auch Linda möchte tanzen. Und da sie bemerkt, ich kann dem Spiel des Vaters schon lange nicht mehr folgen, greift sie nach meiner Hand und zieht mich auf die Straße, die zur Tanzfläche aufstieg.

»Ich kann nicht tanzen«, sage ich.

»›Ich kann nicht‹ gibt es nicht«, antwortet sie und stößt mich an. »Eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier …«

Irland Wanderer

Linkes Bein vor und zurück, rechtes Bein vor und zurück und dabei schwingt sie ihre Hüfte so geschickt um mich herum, als könnte sie in ihrem Leben niemals glücklicher sein.

Sie stammt aus Leeds, erzählt sie mir. Ihre Großeltern leben noch immer dort. Sie besucht sie höchstens einmal im Jahr, das Geld ist schwer verdient, und eine Zug- oder Autofahrt ist teuer. Der Großvater arbeitete im Steinkohlebergwerk, bis zu zehn Stunden schuftete er unter Tage, um nach vierzig Jahren eine kümmerliche Rente zu bekommen. Auch ihr Vater Sonny ist Bergarbeiter, doch hier in der Region nördlich von Cardiff schließt eine Grube nach der anderen. 8500 Bergleute gibt es noch in den 29 Gruben im Lande, 1500 bis 1800 davon in der South Wales Region.

Vorwärts treibt man sie täglich am Fließband. Dass sie gearbeitet hat, weiß sie abends. Sie spürt es im Rücken, in den Beinen, im Unterleib. Aber sie spürt es nicht, sie ist lebend tot. Die Bewegungen sind fahrig, ein Augenlid zuckt unkontrolliert, und trotzdem hat sie Zeit für andere Menschen. Zeit für ihren Gast, den sie sich selbst ins Haus geholt hat: Zeit für mich. Das Fließband ist das Schlimmste, was man dieser 23-Jährigen antun kann. Nervosität und Freude mischen sich, sie hat Arbeit, sie ist eine billige Arbeitskraft.

Linda kennt alle Sorgen und Nöte, ebenso die Freuden der Bergarbeiterfamilien. Mit sechs Jahren zog sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder hierher. Kurz darauf starb die Mutter, ihr zehn Jahre älterer Bruder ging nach Milford Haven in Südwest-Wales, um sein Glück bei den Ölgesellschaften zu suchen. So erlebte sie die großen Streiks der Bergarbeiter von 1984/85 an der väterlichen Hand. »Täglich marschierten wir«, sagt Linda.

Sonny geht zum Kühlschrank, öffnet ihn und nimmt sich ein Bier heraus, nicht ohne mich zu fragen, ob ich auch eins wolle. Schnalzend reißt er den Ringverschluss von der Dose, setzt sich zu uns und nimmt einen kräftigen Schluck. »Well, diese Gewerkschaften«, meint er und greift dabei eine Zigarette aus seiner Schachtel. Er zündet sie sich an und zieht den Rauch durch seine Zähne.

»Dad, du rauchst zu viel«, mahnt Linda.

Die Gewerkschaft verlor. Drastisch schrumpften die Mitgliederzahlen der NUM, der National Union of Mineworkers.

»10000 sind wir heute noch«, erklärt Sonny. »Das ist aber nicht nur ein Problem unserer Union. Überall sinkt die Streikbereitschaft. Und die Vertrauensleute sind oft gekauft. Diejenigen, die unsere Rechte vertreten sollen.«

Da war es wieder, dieses Kleine-Mann-Thema. Die kleinen Leute, die Armen, die Unterdrückten sind doch seine Leute. Er hat gewusst, welche Kraft sie sind, wenn sie geeint handeln. Denn wer war es, der die Bastille stürmte und das Winterpalais? Aber wo waren die Leute, von denen er geträumt, mit denen er redete? Sollten es etwa diese gewesen sein, die da immer nur gekuscht haben. Die angaben, nur aus tiefster Überzeugung zu handeln, nur ihren Beruf ausüben zu wollen und dafür jede Schamlosigkeit in Kauf nahmen, gegen ihre eigenen Leute? Welche Macht hätten sie sein können, wenn sie es nur versucht hätten? Widerstand? Streik? Einigung? Nur ein kleiner Mann, weder Verantwortung, noch eine Gruppe, niemals eine Nation.

Die ersten Gewerkschaften entstanden nach dem Vorbild traditioneller Handwerksverbände nach Berufsgruppen. Erst viel später gründeten die Arbeiter General-Unions, die sich unabhängig jeder Berufsgruppe organisierten. Diese Strategie ist heute dominant. Sie war gewachsen aus der Machteinschränkung durch die Regierung. »Thatcher ist schuld«, betonten auch sie immer wieder. Zum ersten Mal konnten Gewerkschaften für die Folgen illegaler Streiks verantwortlich, gar haftbar gemacht werden. Kündigungen der Arbeiter, die streikten, wurden enorm erleichtert. Die traditionellen Machtinstrumente, wie die Gewerkschaftsmitgliedschaft als Einstellungsvoraussetzung oder Solidaritätsstreiks in nicht vom Streik betroffenen Unternehmen gelten jetzt als illegal. Das war die Kampfansage Margret Thatchers an die Gewerkschaften.

»Heute sind wir nur noch Interessengruppen ohne privilegierten Zugang zur Politik«, sagt Linda. »Auf uns braucht keiner mehr zu hören.«

»Das schadet der Regierung nicht«, ergänzt der Vater.

»In Deutschland ist das ähnlich. Die Tarifautonomie verbietet uns einiges.«

»Den Generalstreik etwa?« Wieder nimmt Sonny einen Zug aus seiner Zigarette.

South Wales war lange zum englischen Ruhrgebiet geworden, zum Billiglohngebiet. 30 % liegt der wöchentliche Lohn unter dem in der Region Londons. Viele ausländische Investoren siedelten hier. Es gab Fördermaßnahmen vom Staat. Sie liebten die nahe Anbindung an die Rüstungsindustrie im Süden, an die Universitäten, Ölhäfen und an die Dienstleistungsmetropole London.

»Und wenn es mit der Wirtschaft bergab geht. Dann sind sie es zuerst, die unsere Leute auf die Straße setzen«, sagt Sonny. Die traditionellen Bereiche Kohle, Stahl werden immer weiter zurückgeworfen. »Dabei sind wir das, die Bergleute in den Gruben, die Stahlwerker mit dem Hammer in ihrer Hand, welche die englische Wirtschaft zu diesem Aufschwung verholfen hat.«

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Zu Fuß von Dresden nach Dublin: Leseprobe


»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« – 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (2. Auflage)

2. Auflage – Mai 2021 – 2. Auflage – ISBN: 978-3-7534-0206-2 – 408 Seiten – 103 s/w Fotografien – 13,90 Euro

»Dein Buch ›Zu Fuß von Dresden nach Dublin‹ kann man nur wärmstens empfehlen …«

(Reiner Meutsch – RPR1 Rheinland – Pfälzische Rundfunk)
»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« - 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa
»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« – 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (2. Auflage)

3100 Kilometer legte Jan Balster zurück – auf Schusters Rappen, wie man so sagt. Vom Ufer der Elbe bis an den Atlantik, quer durch Westeuropa via Schweiz, Frankreich, Großbritannien und Irland.
Das Besondere war nicht nur die Art des Reisens, sondern auch die Umstände: Jan Balster hatte keinen Euro in der Tasche.

Sein lebendiger, anschaulicher Bericht aus dem Jahr 1998 über eine ungewöhnliche Entdeckungstour ist mehr als nur Mitteilung über ein Abenteuer. Es ist auch eine überzeugende Einladung, mal über den deutschen Tellerrand zu schauen. Balster ermuntert und ermutigt mit seinem Beispiel, aus dem alltäglichen Trott auszubrechen. Dazu bedarf es keines gefüllten Kontos, sondern nur etwas Mut und Selbstvertrauen. Und Freunde finden sich überall, die einem weiterhelfen.

Der Mann widerlegt zwei Thesen. Erstens, dass man die Taschen voller Geld haben müsse, um die Welt zu entdecken. Und zweitens, dass es Abenteuer nur noch in der Arktis oder in Asien zu erleben gebe. Nein, man kann sie auch im Alten Europa bestehen.

Jan Balster bestätigt aber zugleich auch die These, dass Weltanschauung dadurch entsteht, dass man sich die Welt anschaut und mit Menschen spricht.

Der Mann ist quer durch Westeuropa marschiert. Er traf auf Deutsche, Schweizer, Franzosen, Briten und Iren. Er nächtigte im Straßengraben und auf Campingplätzen, in Obdachlosenasylen und in Jugendherbergen, in Scheunen und in Garagen. Er lebte vom Banjo-Spielen und vom Betteln, er verdiente sich Geld als Fahrradkurier in London und bei Gelegenheitsarbeiten. Er traf auf Hilfe und harte Zurückweisung, auf Zustimmung und auf Ablehnung.

Balster hat alles aufgeschrieben. Ohne Kommentar. Und zeigt, wie nah sich Menschen auf unserem Kontinent sind – und wie fern. Jan Balster kam klüger nach Hause, als er es zuvor war.

Der Leser ist es nach der Lektüre auch.

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