3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (Auszug) – Linda und Sonny (Teil 2)

Linda und Sonny (Teil 2)

»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« – 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (2. Auflage – Auszug)

Angewiesen auf seine Füße und 20 Kilogramm Gepäck plus Banjo auf dem Rücken schlug sich der Autor dieser Reisereportage drei Monate ohne Geld durch Europa – von Coswig in die Schweiz, nach Frankreich, England und Irland. Er erlebte Abenteuer, Entbehrungen und viele hilfreiche Menschen.

»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« - 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa
»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« – 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (2. Auflage)

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»Vater hat viel versucht. In Swansea hat er den Strand bei Ebbe nach Cockles abgesucht. Im Schlick hat er gewühlt, nach dieser teuren, leckeren Spezialität. Damals herrschte ein regelrechter Boom. Da gab es den Hass der Einheimischen. Wir verschwanden. Er fand zurück in die Grube. Und der Gewerkschaft blieb er treu.« Stolz berichtet sie mir vom Hirwaun Wunder, dort, wo die Bergleute die Macht an sich rissen.

»Die Streikbereitschaft ist höher als in Deutschland.«

»Das mag sein. Das hängt allein von der Korruption der Leute ab. Den Unternehmern sind alle Mittel recht. Sogar die besten Arbeiter, zu Helfern ihrer selbst zu machen. Lauter süße Worte findet er dafür. Zu Ostern ein paar Grüße und zu Weihnachten, gleich Neujahr eine Flasche Wein.«

»Wahrscheinlich gibt es viele Gründe etwas zu verraten, aber der Einfachste, die Geldgier ist für mich am Unbegreiflichsten.«

Nochmals deckt Linda den Tisch, um uns satt zu bekommen.

»Greif zu«, fordert sie.

Täglich nimmt sie den weiten Weg nach Bristol auf sich. Das Einzige, was sie sieht, ist die Landschaft durch die Fenster der Vorstadtzüge, nicht reizvoll, um zu verweilen. Sie schlummert vor sich hin. Ab und an liest sie eine Zeitung oder Zeitschrift, mal einen Heftroman. Wiederum ein anderes Mal ist sie so erschöpft, dass sie erst im Heimatort wieder aufwacht. Ich werde klein, kleiner noch, als ich bei ihren Worten schon geworden bin. Ich schäme mich. Ich schäme mich für die Menschen, mit denen ich lebe, mit denen, die da kommen werden und denen die in der Vergangenheit verschwunden sind. Wir haben vergessen, dass wir Stolz, Mut und Gefühle haben.

In ihrer Arbeitsstätte herrscht ein raues Klima. »Teamgeist erwarten sie in ihrer Anzeige, wenn sie Arbeiter suchen«, erzählt Linda. »Und im Bewerbungs-gespräch faseln sie immer noch davon.« Sie nimmt einen Löffel von der schmackhaften Nudelsuppe: »Doch schaue bloß nicht tiefer in das Unternehmen. Die könnten mir doch gleich sagen, dass sie gerade solche Mitarbeiter nicht wollen. Meine Freundin sagt, dass Freundschaften in dieser Firma fast unmöglich sind. Und wenn, dann nur ganz selten und heimlich.«

»Das ist Trend. Teamgeist meint eigentlich bedingungslose Ein- und vor allem Unterordnung.«

»Yes. Aber ich möchte die Hoffnung nie aufgeben, dass die Menschen besser sind, als sie sich zeigen. Viel besser.« Sie nickt ihrem Vater zu, erhebt sich und räumt den Tisch ab. An den Wänden ihrer Wohnung hängen keine Bilder, ein knirschender Holzschrank steht neben der Tür, keine antike Vitrine, kein Erbstück der Großeltern, nur ein Holzbett, das bei jeder ihrer Bewegungen knarrt und quietscht. Es ist Platz genug für mich.

Sonny schiebt seinen Sessel beiseite und rollt zwei Decken aus. »Ist das gut für dich?«

»Ausgezeichnet.«

Ausgezeichnet bestätigte ich beiden noch bei unserer Verabschiedung am folgenden Morgen. Ich habe besser geschlafen, als in den vorangegangenen Nächten seit London.

Es ist verdammt kalt an diesem Tag und obendrein lässt mich der Regen kaum ruhen. Mich fröstelt.

Swansea. Schon einige Kilometer vor der Stadt steigt mir übler Geruch in die Nase. Doch erst als ich durch die Straßen streune, sehe ich den Ursprung des Gestanks. Schmale Straßen, Hinterhöfe und an den Straßenrändern zieht sich wie im Mittelalter ein kleiner Graben für den Menschenkot dahin, zwei Meter darüber hängt die Wäsche. Gras und kleine Bäume wachsen aus den Dächern. Dieser Vorbote von Swansea könnte eine Geisterstadt sein, deren Fäulnis aus den Wohnungstüren quillt. Menschenunwürdig! Und hier leben Menschen, Mütter arbeiten, Kinder spielen, und die Männer treffen sich jeden Abend in einer ebenso unappetitlichen Spelunke an der Ecke, die hier Pub heißt. Auch in diesem Ort schauen mich die Menschen an, stellen die gleichen Fragen wie andernorts, aber dennoch anders, verquerer, mitleidiger.

Der Manchester-Kapitalismus ist Realität in einem hoch industrialisierten Land. Bereits 1640 gab es hier die ersten Manufakturen, Fließbandarbeit wurde eingeführt, damit kam eine weitere Stufe der Verelendung. Der Mensch wurde zur Maschine der Kapitalisten. Tagein, tagaus produzieren sie und schaffen einen Wert, keinen materiellen Wert für sich, aber den Mehrwert, den Wert den sie um ein Vielfaches erarbeiten mit ihren Händen, für nichts. Und sie dürfen leben wie die Made im Speck. Geändert hat sich seither nichts, sie hausen, vegetieren und vergehen. Für die einen bedeutet Arbeit, Macht ausüben, indem sie andere für sich arbeiten lassen, andere brauchen die Arbeit, die sie auslaugt, die sie an die Grenze des Schmerzes treibt, um zu existieren.

Gleich am Bahnhof, dort wo sie am wenigsten auffallen, sitzen sie. Sie tun, was die Erwachsenen tun, wenn diese feiern, sie trinken. Alle unterliegen dem Gruppenzwang. Eine Bombe, so werden die alkoholischen Getränke auf der Straße genannt, macht die Runde. Jeder schluckt, was er kann. Er versetzt sie in eine Ohnmacht, Auseinandersetzungen und Konflikte werden nichtig.

Frankfurt 1996, Mainhattan und der Bahnhof. Die Nadeln wippten noch in den Ellenbogenkehlen. Bargeld und Drogen wechselten in den stinkenden, versifften Toiletten die Besitzer. Um Gras brauchten sich die abhängigen Jugendlichen, halbe Kinder kaum Gedanken zu machen. Auf der Straße, gleich neben der Polizeistation wurde schnell eine Tüte gedreht. Die Polizisten sahen weg. »Wollen mit der Scheiße nichts zu tun haben«, hörte ich sie flüstern. Und nach einer Schlägerei stand ihnen so kurz vor dem Feierabend schon gar nicht der Sinn. »Sebl«, wie ihn seine Brüder nannten, sprach mich nach etwas Kleingeld an, er hatte Hunger, sagte er. Rasch hatte er das gespendete Brötchen mit Bratwurst an seine drei Geschwister, die Jüngste mochte kaum sieben sein, verteilt. Ihm blieb nur ein kleiner Biss vom Brötchen. Was ich wieder dachte, Vorurteile. Nichts als Vorurteile.

Hunger. Hunger habe ich auch, und zwar jetzt. Soll ich hinüber zu den harten Jungen gehen, und sie fragen: Wo ist denn hier die nächste Gaststätte?, oder lieber hinüber ganz galant zum feinen Handyträger, der auf der anderen Seite genüsslich und laut telefoniert? Lieber nicht, der nimmt mir doch nicht ab, dass ich in einem fünf Sterne Hotel speisen könnte.

Ich warte eine Weile und kaue auf meinen Fingernägeln herum. Vielleicht wirft doch jemand eine halbverzehrte Pizza in die Tonne neben der Imbissbude. Nichts zu machen, die Zeit wird mir zu lang. Der Hunger plagt, und ich bin müde. Ich fasse mir ein Herz und schleiche hinüber zu den Jungen. Ich schleiche nicht, weil mich niemand bemerken soll, nein, ich bin zu müde, um es zu erklären.

»Du bist noch nicht lange auf der Straße«, sagt der erste, gleich als ich mich setze.

Bei Otto, dem 63-Jährigen, dem ich in Avignon begegnete, hatte mich diese Frage noch in Ver-wunderung versetzt. Aber heute ist sie mir egal, inzwischen erkennen das nur noch die Alteingesessenen.

Irland Wanderer

Ein Gespräch beginnt. Nach dem woher und dem wohin. »Was gibt’s Neues?«

»Nichts«, antworte ich.

»Nichts Neues, außer keine Arbeit.«

»Immer keine Arbeit«, bekräftigt mein Nachbar.

»Wie jeden Tag.«

»Man muss was unternehmen.«

»Ich weiß. Nur ich weiß nicht was?«

»Ja, was nur.«

»He, reich‘ die Flasche weiter.«

Wenn das Gespräch von Autos handeln würde, hätte ich mich jetzt davongestohlen. Aber hier ist es warm, und ich bin neu. Ich habe etwas zu erzählen.

»Nimm‘ einen Schluck«, sagt meine Nachbarin, die einzige Frau. Frau? Das ist ein Mädchen, vielleicht 13 Jahre.

Frauen gibt es wenig auf der Straße. Die meisten von ihnen leben in den Städten und geraten zu ca. 80 % in die Fangarme der Zuhälter, der Rest wird alkoholkrank und verreckt früher oder später auf einer Parkbank.

Vormittags hängt die Clique am Bahnhof herum, immer an der gleichen Stelle. Sie wechseln sich ab, von den Leuten ihren Lebensunterhalt zu erbetteln. Fünf Pfund für jeden, das reicht für Essen, eine Flasche eines abscheulich schmeckenden Fusels und eine Schachtel Zigaretten für die ganze Truppe.

»Von hier kannst du den Bahnhof gut überblicken«, versichert einer. »Wegen den Bullen.«

Und nachmittags schleicht die Gruppe zum Einkaufszentrum drei Ecken weiter und ziehen sich dort die braunen Granaten rein.

Sie haben nichts besseres zu tun.

Was sollen sie auch anpacken?

»Nichts. Das Leben genießen«, geben sie zum Besten. Dann bleibt noch der Abend. Die Müdigkeit treibt sie zurück, zurück zu ihrem angestammten Platz im Bahnhof.

So läuft es tagein, tagaus. Nur manchmal, wenn sie Glück haben – aller zwei bis drei Wochen –, bekommen sie ein warmes Bett im Obdachlosenheim am Rande der Stadt und eine warme Mahlzeit von der Kirche.

Zweimal im Jahr zieht die Clique in eine andere Stadt. Immer dann, wenn alle, die in der Gruppe leben, zweimal im Obdachlosenheim übernachtet haben. »Wir dürfen kein drittes Mal dortbleiben. Die haben nicht genug Betten und jeder hat das Recht dort zu schlafen.«

Sie reden durcheinander. Sie haben ihr Leben sozialisiert. Jeder von ihnen besitzt ein Buch, hier notieren sie sich die Zeiten, wann und wo sie nächtigten.

Lehnt ein jugendlicher Sozialhilfeempfänger eine angebotene Arbeit ab, so wir die Stütze um 40 % gekürzt. Das bestimmt das Welfare to Work-Programm. Nimmt ein Jugendlicher eine Arbeit an, Aus- und Weiterbildung, gemeinnützige Tätigkeiten, so garantiert das Programm den wöchentlichen Mindestlohn von 180 £ (Stand 1998).

Ich als Deutscher würde sicherlich Arbeit bekommen, betonen die Jungen. »Deutsche sind beliebt, sie sind pünktlich. Halten’s Maul, wenn’s drauf an kommt.«

»Das ist doch überall auf der Welt beliebt«, korrigiere ich.

»Egal, wo du bist. Bei den Deutschen ist es besonders auffällig.«

Es ist kein gutes Wort über deutsche Menschen zu erhaschen.

Warum verjagen sie mich dann nicht, frage ich mich.

»Du bist ok. man. The Banjo-man from Germany.«

Wir lachen.

Kurz nach Mitternacht stehle ich mich davon, wie ich gekommen bin. Ein Zug rollt an, und ich springe auf. Vanillehaltiger Tabakgeruch steigt mir in die Nase.

Ich zwänge mich in einen der Liegesitze, lege die Beine auf den gegenüberliegenden und unter die Kniebeugen meinen Rucksack. Das Abteil ist dunkel. Der Zug rattert über die Gleise und im gleichmäßigen Klappern der Gestänge, schlummere ich ein. Wohin fährt der Zug?

Zu Fuß von Dresden nach Dublin: Leseprobe


»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« – 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (2. Auflage)

2. Auflage – Mai 2021 – 2. Auflage – ISBN: 978-3-7534-0206-2 – 408 Seiten – 103 s/w Fotografien – 13,90 Euro

»Dein Buch ›Zu Fuß von Dresden nach Dublin‹ kann man nur wärmstens empfehlen …«

(Reiner Meutsch – RPR1 Rheinland – Pfälzische Rundfunk)
»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« - 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa
»Zu Fuß von Dresden nach Dublin« – 3100 Kilometer ohne Geld durch Europa (2. Auflage)

3100 Kilometer legte Jan Balster zurück – auf Schusters Rappen, wie man so sagt. Vom Ufer der Elbe bis an den Atlantik, quer durch Westeuropa via Schweiz, Frankreich, Großbritannien und Irland.
Das Besondere war nicht nur die Art des Reisens, sondern auch die Umstände: Jan Balster hatte keinen Euro in der Tasche.

Sein lebendiger, anschaulicher Bericht aus dem Jahr 1998 über eine ungewöhnliche Entdeckungstour ist mehr als nur Mitteilung über ein Abenteuer. Es ist auch eine überzeugende Einladung, mal über den deutschen Tellerrand zu schauen. Balster ermuntert und ermutigt mit seinem Beispiel, aus dem alltäglichen Trott auszubrechen. Dazu bedarf es keines gefüllten Kontos, sondern nur etwas Mut und Selbstvertrauen. Und Freunde finden sich überall, die einem weiterhelfen.

Der Mann widerlegt zwei Thesen. Erstens, dass man die Taschen voller Geld haben müsse, um die Welt zu entdecken. Und zweitens, dass es Abenteuer nur noch in der Arktis oder in Asien zu erleben gebe. Nein, man kann sie auch im Alten Europa bestehen.

Jan Balster bestätigt aber zugleich auch die These, dass Weltanschauung dadurch entsteht, dass man sich die Welt anschaut und mit Menschen spricht.

Der Mann ist quer durch Westeuropa marschiert. Er traf auf Deutsche, Schweizer, Franzosen, Briten und Iren. Er nächtigte im Straßengraben und auf Campingplätzen, in Obdachlosenasylen und in Jugendherbergen, in Scheunen und in Garagen. Er lebte vom Banjo-Spielen und vom Betteln, er verdiente sich Geld als Fahrradkurier in London und bei Gelegenheitsarbeiten. Er traf auf Hilfe und harte Zurückweisung, auf Zustimmung und auf Ablehnung.

Balster hat alles aufgeschrieben. Ohne Kommentar. Und zeigt, wie nah sich Menschen auf unserem Kontinent sind – und wie fern. Jan Balster kam klüger nach Hause, als er es zuvor war.

Der Leser ist es nach der Lektüre auch.

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