Reisereportage Transsibirische Eisenbahn – Begegnungen am Schienenstrang

Begegnungen am Schienenstrang – Transsibirische Eisenbahn

backpacking Reisereportage Russland: 20000 km mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau zum Baikalsee (Teil 1)

Russland - Transsibirische Eisenbahn Sibirien Zug, Strecke

Russland – Transsibirische Eisenbahn

Am Bahnsteig des Jaroslawskij – Bahnhofes in Moskau drängen sich die Menschen, alle wollen mit auf die große Reise. Gepäckstücke, alle aus dem gleich aussehenden karierten, in blau gehaltenen Stoff türmen sich in fünfzehn Meter Abständen. Polizisten schreiten den Bahnsteig ab. »Wann kommt der Zug?« frage ich die Provodniza Irina, die allein in der dunkelblauen Uniform der russischen Staatseisenbahn auf ihrer kleinen Tasche hockt. »Bald«, antwortet sie und beißt in einen Kanten belegtes Brot. Über knisternde Lautsprecher wird unser Zug angekündigt. Die Reisenden scheren sich um ihr Gepäck, Polizisten verlassen fluchtartig den Bahnsteig. »Passen Sie auf ihren Rucksack auf«, mahnt mich Irina.

Wie bekannt erscheint uns doch Russland. Gerade wir Deutschen kennen dieses Land, aus dem Rundfunk, aus dem Fernsehen, der Presse, tagesaktuell werden uns Bilder serviert, die Landschaften, die Städte, ob politisch oder wirtschaftlich beleuchtet. Und warum fühlen wir uns dann so hilflos, wenn wir dieses Land besuchen? Warum können wir diesen Menschen nicht folgen, wenn wir ihnen begegnen, beruflich, privat und auf der Straße?

Kein Windhauch treibt Blätter über den Bahnsteig, kein Schnee fällt hinab und verzaubert, säuselt, als der Zug Nr.2 »Rossija« den Moskauer Bahnhof verlässt. Eine blaue Linie zwängt sich durch die Vorstadt. Vorbei an verfallenen Fabriken und Mietshäuser, leer stehenden Wohnungen mit eingeschlagenen Fensterscheiben und Mühlplätzen nebenan.

Dann tauchen die ersten Gärten auf, verschwinden die Vorstadt-Haltepunkte, auf denen Menschen, vom Leben gezeichnete Gesichter, ruhig umherlaufen. Moskau verschwimmt.

 

Eine Nacht und einen Tag, meine Knochen werden steif. Der Zug rattert. Ich sitze am Fenster und lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen. Meine Gedanken hängen an der Vergangenheit, reißen sich um ein Bild der Zukunft.

Die Provodniza, die Zugbegleiterin Irina, klopft. Jeder Waggon wird von zwei Provodniks betreut. Sie stehen jedem Fahrgast rund um die Uhr, 9289 Kilometer von Moskau bis Wladiwostok zur Verfügung. Heißer Tee wird gereicht, die Bettwäsche ausgeteilt und eine Kochgelegenheit wäre vorn in ihrem Abteil, meint sie. Die Reisenden sind zufrieden.

250 Euro im Monat verdient Kolja umgerechnet beim Militär: »Es reicht gerade, um mit Alexandr zu seinen Großeltern aufs Land zu fahren.« Das ist die einzig freie Zeit, die ihm bleibt, mit seinem achtjährigen Sohn zu verbringen. Er war in der DDR stationiert von 1974 bis 1986, erzählt er. Dann wurde er versetzt, wegen der Perestroika. Heute verbringt er das Jahr mit Truppenübungen in Moskau, Einsätzen in Kasan und Aufmärschen in St. Petersburg. Ihn treibt es durch sein Land. »Ist besser als nichts«, meint er lächelnd. Immerhin fließt sein Lohn regelmäßig, jeden Monat. »Entweder du bist beim Militär oder bei der Bahn.« Nach den Politikern und den sogenannten neuen Russen, wage ich gar nicht zu fragen. Ehrlich will er sein Geld verdienen.

 

Russland - Transsibirische Eisenbahn Sibirien Moskau

Russland – Transsibirische Eisenbahn – Moskau

Jaroslawl, Kirow, Perm die Gleise schwingen sich durch die Vorläufer des Uralgebirges. Der Ural selbst, erstreckt sich über 2500 km von Norden nach Süden, beginnend in der kalten Tundra, endet er in der schwülen Hitze der Wüstensteppe. Was mag hinter ihm kommen? Kälte, ewiges Eis, Taiga, dunkler Wald. Sibirien, ein Land mit ebenso vielen Legenden behaftet, in unzähligen Liedern besungen, wie sein Entdecker, Eroberer, Nationalheld, der Kosakenhauptmann, Söldner der Kaufmannsfamilie Stroganow,  Jermak Timofejewitsch.  Noch  zu  Zeiten  des Zaren  bis  ins 19. Jahrhundert glaubten viele Menschen, dort sei das Ende der Welt gekommen. Und ein wenig sitzt auch uns, den Fahrgästen, die Spannung, vermischt mit Aufregung in den Köpfen.

Die beiden Mädchen, fünf und sechs Jahre alt, des jungen Ehepaares aus dem Nachbarabteil, hüpfen über den Gang. Zum ersten Mal unternehmen sie eine Reise abseits ihrer Heimatstadt Simbirsk. Sie möchten nicht schlafen: „Wir wollen alles sehen“ sagt Igor. »Wer weiß, wann wir wieder zum Baikal kommen.« Und dieser ist noch weit, als die Nacht hereinbricht.

 

Km 1777, ein weißer Obelisk ragt zur rechten Seite aus Moskauer Sicht empor, die Grenze zwischen Europa und Asien. Für fünf Minuten stoppt der Zug Nr. 2. Fotoapparate hängen aus den aufgeschlagenen Türen, Kunstblitze zucken, bevor sich der Zug mit seinen 35 Waggons wieder in Bewegung setzt. Der Morgen tränkt den Horizont in ein zartes Rot und die feurige gelblich verschwimmende Sonne belebt einen neuen Tag.

Müde, vom Schaukeln des Zuges, wanke ich zur Toilette, und Igor presst noch immer seine Nase fest an die Fensterscheibe. Heute habe ich noch Glück, denke ich, bald, vielleicht am dritten oder vierten Tag, wird bei den Fahrgästen das Gefühl für die Zeit verschwinden. Man wird zu Bett gehen, wenn man müde ist und aufstehen, wenn sich der Magen zum Frühstück meldet.

Ich drehe den Wasserhahn auf. Kein Wasser. Also heißt es kurz austreten, das Taschentuch im heißen Wasser tränken, aus dem Waggonsamowar, der sich am gegenüber liegenden Ende eines jeden Waggons befindet und ständig auf 70°C gehalten wird. So habe ich, von den Russen abgeschaut, ein Erfrischungstuch für die Hände und das Gesicht.

 

Russland - Transsibirische Eisenbahn Sibirien Zug, Strecke

Russland – Transsibirische Eisenbahn

Noch immer prangert das Schild »Swerdlowsk« am Bahnhofsgebäude von Jekaterinburg, wie die Stadt seit 1991 wieder heißt. Im drittgrößten Verkehrsknotenpunkt des Landes, nach Moskau und St. Petersburg leben die Menschen überwiegend vom Maschinenbau. Hat sich hier nichts verändert, seit im Zuge der großen Wohnungsbauprogramme, Hochhäuser aus dem Boden gestampft wurden? Sie verfallen jetzt. Schornsteine, aus denen kräftige Rauchschwaden aufsteigen, schmücken das Stadtbild. Kinder spielen auf den Plätzen und Straßen längst vergessene Spiele, Springseilhüpfen und Kastenspringen. Andere vertreiben sich die Zeit mit Angeln im, mit Colabüchsen gesäumten, städtischen See.

Auf dem zentralen Platz trifft sich die Jugend, dort wo der übergroße Lenin mit vorgestreckter Hand in die Zukunft weist. »Er sollte sie lieber festhalten«, stellt der 16-jährige, der davor auf einem Stein sitzt, eine Flasche Bier in der Hand hält und an seiner Zigarette zieht, fest. Gegenüber auf der anderen Straßenseite wühlt eine Frau in einem Papierkorb. Akribisch betrachtet sie jede Flasche. Gibt es Pfand oder keinen? Bringt nichts, dann wirft sie die Flasche zurück. Ein angekauter Apfel verschwindet in ihrer Jackentasche. Ähnlich geschieht es am nächsten Papierkorb an der Ecke, die Straße hinauf und in der nächsten Straße hinab.

 

An den Ufern des Jenissej in Krasnojarsk sieht das Bild wenig anders aus. Schon bei der Einfahrt kann ich die bläulich orangefarbene Smogschicht, die aus den zwei Dutzend Schornsteinen des Aluminiumwerkes quellen, sehen. Hier steigen Olga und ihre siebenjährige Tochter Aljona zu. »Ich habe drei Wochen Urlaub«, erzählt Olga. »Aljona schickte ich für eine Woche zu den Eltern meines Mannes nach Chabarowsk. Acht Stunden Zugfahrt allein. Wir wohnen in Wladiwostok. Dann kam ich hinterher, habe sie aufgelesen, und wir fuhren zu meinen Eltern. Eine Woche verbrachten wir dort und jetzt fünf Tage zurück.« Sie blickt aus dem Fenster, lädt mich zum Essen ein. »Früher sind wir geflogen«, fährt sie fort. »Und heute reicht das Geld nicht mehr.« Sie bedauert, dass es sehr viel aus dem Westen gibt: »Vieles hält einfach nicht so lange«, meint sie. Plastikwaffen, Gameboys und die Teletubbies finden sich jetzt in den Spielzeugläden, da haben Tscheburaschka, Hase und Wolf keine Chance mehr.

Inzwischen bin ich schlauer geworden. In der Toilette kann ich das Wasser mit meiner Mehrzweckzange an einem kleinen Dreikant, ca. 50 cm über dem Wasserhahn unter einer Abdeckung bereitstellen und auch das Duschen fällt inzwischen leichter. Einen Holzkeil mit etwas Stoff umwickelt, verstopft den Abfluss, kaltes Wasser wird aufgefüllt und die Tasse mit heißem Wasser hinzugegossen. Zwei Liter lauwarmes Wasser. Und schon kann ich mir das Wasser Tassenweise über den Kopf schütten, einseifen und später abtrocknen. Für die Zähne reicht auch kaltes Wasser.

Russland - Transsibirische Eisenbahn Sibirien

Russland – Transsibirische Eisenbahn

In Irkutsk nehme ich den Bus nach Listwjanka, 60 km südlich am Ufer des Baikals gelegen. Der Ikarus rollt über die asphaltierte Straße, beinah parallel zum Fluss Angara, dem einzigen Abfluss des Baikals. Hölzerne Bauernhäuser, weiß, viele in den Farben der russisch – orthodoxen Kirche, hellblau und grün getüncht. Früher waren die Häuser naturfarben. Nur einige mit Funktion verdienten besondere Farben, die Post blau, das Gemeindegebäude und die Schule weiß, wenn ich genau herantrete, so erkenne ich noch, direkt auf dem schlicht gehaltenen Querbalken über den Fenstern den Sowjetstern. Selbst die rote Farbe schimmert noch durch die Weiße hindurch. Um die Häuser ein Garten mit windschiefen Zäunen, bei denen zahlreiche Latten fehlen. Heute finde ich kaum noch Ziergärten: »Uns fehlt die Zeit, und Blumen können wir nicht essen«, sagt die Babuschka, als ich einige Worte mit ihr wechsele. Ein Gemüsegarten wurde daraus, ein Statussymbol des russischen Selbstversorgers, die einzige Quelle eines zuverlässig funktionierenden Tauschhandels. Kartoffeln und Kohl reihen sich aneinander, die Hoffnung über den nächsten Winter zu kommen. Hier interessiert sich niemand für die staatliche Ökonomie, und die heutige Regierung schuldet den Kindern der Bauern mehrere Monatslöhne. So hacken, graben und jäten sie durch ihre kleine Welt, die ihnen den Hunger vertreibt. Allerdings, sie sehen nicht unglücklich aus, sie wursteln sich durch.

weiter zu Teil 2: backpacking Reisereportage Russland: 20000 km mit der Transsibirischen Eisenbahn von Ulan-Udé nach Wladiwostok


weitere Reiseinformationen:

Rundreisen

 


Sibirien – Reportagen aus Russland, dem Land der Sagen

Sibirien - Reportagen aus Russland, dem Land der Sagen

Sibirien – Reportagen aus Russland, dem Land der Sagen

Ab nach Sibirien, da ist es kalt: undurchdringlicher Urwald, eintönige Tundra, Dauerfrostböden, der Kältepol. Klischees über Klischees, Legenden und Sagen durchziehen unser Wissen, nähren unsere Ahnung. Doch Sibirien heißt, wenn man es aus der Sprache der alten Nomadenvölker übersetzt, nichts weiter als schlafende Erde.

Wagen wir den Weg, benutzen wir die Schneise, welche uns die Transsibirischen Eisenbahn nach Osten vorgibt, bis in den letzten Winkel. Begleiten wir Eisenbahner der Fernostbahn, stoßen wir zu den Wölfen im Baikal-Lena-Naturreservat vor und tauchen ein in die Religion des Lamaismus im Kloster Ivolginsk.

November 2013 – ISBN: 978-3-7322-8689-8 – 120 Seiten – 41 s/w Fotos – 9,99 Euro

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